Heiße Themen Schließen

Ukraine: Militärexperte rechnet mit direktem Angriff auf Kiew

Ukraine Militärexperte rechnet mit direktem Angriff auf Kiew
Der Militärstratege Franz-Stefan Gady erklärt, warum Putins Armee weiter in die Ukraine vordringen dürfte. Kiew droht ein Belagerungszustand. Die Lage sei «todernst».

Ukraine

«Der Hauptstoss kommt vom Norden»: Militärexperte rechnet mit einem direkten Angriff von Putins Armee auf Kiew

Der Militärstratege Franz-Stefan Gady erklärt, warum Putins Armee weiter in die Ukraine vordringen dürfte. Kiew droht ein Belagerungszustand. Die Lage sei «todernst».

Bereit zum Angriff: Russischer Panzer an der ukrainischen Grenze.
Bereit zum Angriff: Russischer Panzer an der ukrainischen Grenze.

Vadim Ghirda / AP

Wladimir Putin schickt Truppen in den Donbass, 150'000 Soldaten stehen an der ukrainischen Grenze bereit. Wie gefährlich die Situation?

Sehr gefährlich. Der militärische Konflikt wird sich nicht auf den Donbass beschränken, sondern wird sich auf andere Teile der Ukraine ausbreiten. Sicherlich dürften Auseinandersetzungen an der Kontaktlinie im Donbass stattfinden. Aber der Hauptstoss wird nicht aus dem Donbass erfolgen.

Sondern?

Von der weissrussischen Grenze im Norden. Entlang des Flusses Dnepr dürften die russischen Truppen in Richtung Kiew vordringen. Die ukrainische Armee hat ihre Kräfte im Donbass zusammengezogen. Man fällt den Ukrainern so in den Rücken und verhindert, dass sie entlang des Dnpr eine Verteidigungstellung errichten können.

Worauf beruht diese Einschätzung?

Natürlich wissen wir nicht alles – die russischen Streitkräfte beherrschen das Tarnen und Täuschen sehr gut. Aber dafür spricht die Disposition der einzelnen Truppenverbände. Etwa die modernen Panzer, wie die Erste Garde Panzerarmee, von der Elemente in Weissrussland stationiert sind.

Also die Truppen, deren Abzug Putin nach einem Grossmanöver am vergangenen Sonntag versprochen hatte?

Ja. Diese Truppen werden Teil des Hauptangriffs sein.

Wenn der Hauptangriff von Norden her kommt, welchen militärischen Sinn hat die Besetzung des Donbass im Osten?

Die ukrainischen Truppen in dieser Region zu konzentrieren und zu beschäftigen. Das Gros der ukrainischen Armee steht im Donbass. Die Front im Norden ist nicht stark verteidigt. Und von der dortigen Grenze sind es nur rund 100 Kilometer Luftlinie bis nach Kiew.

Wie gross wird die Gegenwehr der Ukrainer sein?

Die ukrainische Armee ist gut, sie ist modernisiert. Es wird kein leichtes Spiel für die Russen. Die Waffenlieferungen haben schon etwas bewirkt. Javelin- und Stinger-Raketen können enormen Schaden anrichten. Die Gesamtlage haben die Lieferungen aber nicht verändert. Langfristig können die Ukrainer die russischen Streitkräfte nicht besiegen. Ein Krieg würde blutig, mit Tausenden Toten und Verletzten in den ersten Stunden und Tagen.

Kann eine Millionenstadt wie Kiew einfach so eingenommen werden?

Nein, eher eingekesselt und abgeschnitten. Ein Belagerungszustand, wie man es aus dem 17. und 18. Jahrhundert kennt. Ohne Lebensmittelzufuhr, Strom und Internet würden die ukrainischen Truppen irgendwann aufgeben müssen. Jeder Plan verliert an Gültigkeit mit dem Feindkontakt – natürlich können sich Situationen entwickeln, an die man nun noch nicht denkt. Aber die russische Armee wird wohl versuchen zu vermeiden, in urbane Räume vorzustossen.

Erwarten Sie einen Krieg um die ganze Ukraine?

Von der militärischen Logik würde es wenig Sinn machen, in den westlichen Teil vorzustossen. Die genauen Ziele sind aber unklar. Langfristig schadet Putin allen, auch sich selbst.

Ab wann sprechen wir von einem wirklichen Krieg in der Ukraine?

Der Krieg findet ja bereits im Donbass statt. Sobald russische Truppen von Weissrussland her über die ukrainische Grenze rollen, erhält der Konflikt aber eine neue Dimension . Dieser erweiterte Konflikt wird dann auch nicht mit der Ukraine enden, sondern Implikationen für die Sicherheitsarchitektur in Europa haben. Im schlimmsten Fall entsteht ein neuer Eiserner Vorhang, ein paar Hundert Kilometer in den Osten verlagert. Das Verhältnis zwischen Nato und Russland wird dann auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte belastet sein.

Zur Person

Franz-Stefan Gady

Gebrüder Pixel

Franz-Stefan Gady

Militärexperte am International Institute for Strategic Studies (IISS) in London.

Mehr zum Thema:

Ähnliche Nachrichten
Nachrichtenarchiv
  • Traiskirchen
    Traiskirchen
    Rechte Kundgebung vor der Erstaufnahmestelle Traiskirchen
    22 Jun 2024
    1
  • Sterben
    Sterben
    Augen verraten, ob man ein Risiko für einen frühen Tod hat
    21 Jan 2022
    1
  • Aggregator
    Aggregator
    SOFTSWISS Game Aggregator zieht Bilanz für das Jahr 2021
    28 Dez 2021
    2
  • Cirque du Soleil
    Cirque du Soleil
    Schwieriger Aufbau Cirque du Soleil in Wien bekommt nagelneues ...
    17 Feb 2025
    5
Die beliebtesten Nachrichten der Woche