Warum Grönland nicht nur für Donald Trump interessant ist

Hintergrund
Natürliche Ressourcen und die strategische Lage machen die Insel bedeutsam. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich Unabhängigkeit von Dänemark, die Kolonialzeit wirkt bis heute
Noura Maan
8. Jänner 2025, 16:01

Grönland ist wieder in aller Munde. Nicht wegen Unabhängigkeitsbestrebungen, möglicher Kolonialverbrechen oder beunruhigender Entwicklungen im Zusammenhang mit der Klimakrise – sondern weil der baldige US-Präsident Donald Trump den Anspruch auf die größte Insel der Welt erneuert hat. Und in diesem Zusammenhang zuletzt explizit "militärischen oder wirtschaftlichen Druck" nicht ausgeschlossen hat.
Die Insel mit rund 57.000 Einwohnern, die auch heute noch zu Dänemark gehört, ist nicht nur für die USA von strategisch wichtiger Bedeutung, auch Russland und China haben geopolitische Interessen in der Arktis. Die Lage im Südwesten des Nordpolarmeeres gibt Grönland eine zentrale Bedeutung für die Schifffahrt zwischen Arktischem und Atlantischem Ozean sowie auf der Route zwischen Atlantik und Pazifik, auch als wichtiger Korridor der neuen Seidenstraße. Durch das vermehrte Abschmelzen der Eiskappen an den Polen wird die Nordwestpassage für die Schifffahrt immer lukrativer. Neben Ressourcen wie Öl und Gas wurden bei Probebohrungen in Grönland auch seltene Erden gefunden, die etwa für Elektronikbauteile unverzichtbar sind und derzeit vor allem aus China kommen.
Lange US-Präsenz
Die geografisch zum nordamerikanischen Kontinent gehörende Insel war zwei Jahrhunderte lang eine abgeschottete Kolonie, die vor allem für tierische Öle ausgebeutet wurde. Durch die US-Präsenz im Zweiten Weltkrieg änderten sich die Verhältnisse: Als Dänemark von den Nationalsozialisten besetzt wurde, übernahmen die USA kurzzeitig den Schutz der Insel und erhielten im Gegenzug Zugang, um Grönland für die Zwischenlandung auf dem Flug nach Europa zu nutzen sowie Wetterstationen und Militärbasen zu errichten. Mit der Pituffik Space Base, für die dort lebende Inuit 140 Kilometer weiter nördlich zwangsumgesiedelt wurden, unterhalten die USA auch heute noch einen strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt inklusive Frühwarnsystem für ballistische Raketen – etwa Raketen, die aus Russland in Richtung Nordamerika fliegen.
Dänemark übernahm nach dem Krieg wieder die Kontrolle über Grönland, musste aber die Anwesenheit der USA hinnehmen. Im Jahr 1953 endete der Kolonialstatus Grönlands offiziell mit der neuen Verfassung Dänemarks: Die Insel wurde als gleichberechtigte Provinz in das Königreich integriert, ihre Einwohner dänische Staatsbürger – ob sie das wollten oder nicht, spielte keine Rolle. Die formale Dekolonisierung wurde von vielen als der Beginn der eigentlichen Kolonisierung wahrgenommen.
In einer Modernisierungswelle baute man in Grönland Schulen, Krankenhäuser und Wohnblöcke, das dünnbesiedelte Gebiet sollte sich im Schnellverfahren in einen Teil des dänischen Staates verwandeln. Aufgrund der besseren Gesundheitsversorgung wuchs die Bevölkerung im Gebiet, Dänemark wollte den Bedarf an Investitionen in Grönland allerdings verringern.
Sterilisierung und Zwangsadoption
In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden deshalb tausenden Frauen in Grönland Verhütungsspiralen ohne ihr Einverständnis eingesetzt, viele erst 13 oder 14 Jahre alt. 143 Frauen verklagen Dänemark deshalb. Tina Dam vom Human Rights Council in Grönland sprach schon 2022 von einem "schwerwiegenden Eingriff in die Rechte von Frauen und Mädchen sowie in die Rechte indigener Völker" und von möglichem Völkermord. Auch der aktuelle Regierungschef Grönlands, Múte Egede, spricht mittlerweile von Genozid durch die Spirale.
In den 1950ern bis in die 1970er-Jahre wurden zudem einheimische Kinder nach Dänemark gebracht, um die dänische Kultur eingetrichtert zu bekommen. Betroffene Eltern in Grönland berichten, ihre Kinder unter Zwang zur Adoption freigegeben zu haben. Auch heute beklagt die grönländische Regierung, dass Eltern in Grönland vorschnell und unter Einsatz fragwürdiger Testmethoden Kinder weggenommen werden.
Mehrheit für Unabhängigkeit
Grönland hat mittlerweile zwar weitreichende Autonomie mit eigener Regierung und eigenem Parlament erhalten. Im November 2008 stimmten 75,5 Prozent für die Einführung der Selbstverwaltung. Grönlands Bevölkerung hat gemäß dem Gesetz zur Selbstverwaltung das Recht auf Selbstbestimmung, bis zur vollständigen Unabhängigkeit bleibt es aber politisch und finanziell von Dänemark abhängig, was auch als "Beispiel modernen Neokolonialismus" betrachtet wird. In Umfragen spricht sich schon länger eine klare Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit von Dänemark aus.
Inuit Ataqatigiit, die Partei des derzeit amtierenden Premiers, hatte zunächst vor allem die Unabhängigkeit Grönlands von Dänemark zum Ziel, später aber ihre Position adaptiert: Erst müsse die Insel wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen, dann könne man mit Kopenhagen zu verhandeln beginnen. Auch deshalb baut man den Tourismus aktuell vorsichtig aus. In seiner Neujahrsansprache vor gut einer Woche wurde der grönländische Premier Múte Egede wieder deutlicher und sprach von der Notwendigkeit, die "Fesseln des Kolonialismus" zu beseitigen. (Noura Maan, 8.1.2025)
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