Kritik – "Die lustige Witwe" in Zürich: Unter dem Flügel schnarcht der Graf

Kritik – "Die lustige Witwe" in Zürich Unter dem Flügel schnarcht der Graf
12.02.2024 von Jörn Florian Fuchs
Barrie Kosky und Operette – das klingt erstmal vielversprechend. Doch am Opernhaus Zürich versenkte er Franz Lehárs "Lustige Witwe" in Klamaukgewittern. Auch die prominente Besetzung enttäuschte bei der Premiere am Sonntag überwiegend.
Bildquelle: Monika Ritterhaus
Anfangs denkt man: Schön, das wird eine jener wundervollen Operettenarbeiten von Barrie Kosky, die zwischen einfühlsamer Melancholie und krawalligem, indes unterhaltsamem Humor schwanken. Da sitzt zu Beginn (und auch nochmals gegen Ende) Marlis Petersen als Hanna Glawari am Flügel und erinnert sich offenbar an eine länger zurückliegende Geschichte. Graf Danilo umschwärmte sie einst. Doch er weigerte sich, ihr seine Liebe zu bekennen, weil er ein Problem mit ihrem Reichtum hatte, den wiederum ein bankrotter Staat haben wollte, weshalb man die Witwe gern standes- und staatsgemäß verheiratet hätte. Am Ende finden sich Graf und Witwe, als sie bekennt, im Falle einer Heirat verlöre sie ihr Geld. Tatsächlich bekommt dann aber ihr neuer Gatte alles. So weit, so operettig. Und so eigenartig oder auch problematisch, was das Frauen- und Männerbild betrifft ("Ja, das Studium der Weiber ist schwer").
Szenische und verbale Kalauer
Marlis Petersen als Hanna Glawari und Michael Volle als Graf Danilo Danilowitsch | Bildquelle: Monika Ritterhaus
Barrie Kosky, der sich vor allem an der Komischen Oper Berlin so einzigartig um die jüdische Operettentradition verdient gemacht hat, sagte vor ein paar Jahren, Gassenhauer wie die "Fledermaus" oder eben Franz Lehárs "Lustige Witwe" würde er nie machen. Mittlerweile scheint Kosky aber alles an Aufträgen anzunehmen, was er kriegen kann – Hauptsache großes Haus und die entsprechenden Gagen. Dementsprechend, weil eben niemand gefühlt ein Dutzend Premieren pro Saison stemmen kann, missglückt immer öfters eine Neuproduktion. Die "Fledermaus" inszenierte Barrie Kosky gerade an der Bayerischen Staatsoper – ganz auf große Show fokussiert. Jetzt also in Zürich die "Lustige Witwe". Einem beträchtlichen Teil des Publikums gefiel das Feuerwerk aus szenischen und verbalen Kalauern, das vorwiegend nervöse Umherzappeln der Figuren. Oder Gags wie Danilos Schläfchen unter einem Flügel oder ein Fotoshooting aus dem Souffleurkasten. Und sogar die streckenweise unfassbar banale Hoppel-und Schunkel-Choreographie (Kim Duddy) kam an.
Oberflächliche Inszenierung von Barrie Kosky
Federboa und Glitzer dominieren das Bühnenbild. | Bildquelle: Monika Ritterhaus
Nur fragt man sich bald und dann mit zunehmendem Ärger, wie denn – bittschön – solch eine fast nur mit Oberflächenpomp arbeitende Chose zustande kommen konnte. Man muss Lehárs Verstrickungen in der NS-Zeit nicht zwingend thematisieren, man muss auch keine tiefenpsychologische Analyse der Figuren liefern, aber die Sache derart belanglos und oft charmefrei herunter zu inszenieren, ist eine glatte Frechheit. Dabei böte Klaus Grünbergs Ausstattung, ein Bühnenrund mit klug eingesetztem, sehr wandlungsfähigem Vorhang nebst einigen jugendstil-artigen Lampen durchaus ein gutes Ambiente. Bei den Kostümen (Gianluca Falaschi) hingegen sieht man den einschlägigen Kosky-Farb-Glitzer-Federboa-Rausch. Nur dass diesmal vieles zweckfrei wirkt und die Vermutung nahe liegt, hier musste unbedingt ein beträchtliches Budget ausgeschöpft werden.
Patrick Hahn und Michael Volle – vor allem laut
Musikalisch zeigt der junge, derzeit sehr gehypte Dirigent Patrick Hahn, wie Operette klingt, wenn man sie in einem eher kleinen Haus vor allem auf Oberfläche und Lautstärke trimmt. Eben mit Doppel-Wumms und Dreifach-Rumms. Das passt freilich zur Regie. Und sängerisch? Der vermutlich beste Wotan unserer Zeit, Michael Volle, gibt Graf Danilo. Mit immenser vokaler Kraft zwar, aber Lehár lässt sich nun mal nicht erbrüllen und hier handelt es sich um einen liebestollen Typ und nicht um einen Gott, der von seiner Tochter Abschied nimmt, die "Walküre" stand unseres Wissens nach nicht auf dem Spielplan.
Flattrige Marlis Petersen
Katharina Konradi als Valencienne und Andrew Owens als Camille de Rosillon | Bildquelle: Monika Ritterhaus
Nur wenige ruhige, sanfte Momente gibt es bei Volle, mehr davon liefert Marlis Petersen, allerdings hört man auch hier eine merkwürdige Interpretation, eher nervös flattrig und eigenartig verschattet. Petersen, die geniale "Lulu", die sensationelle Interpretin Neuer Musik, hier wirkt sie zumindest suboptimal eingesetzt (obgleich ihre Glawari kein Rollendebüt ist). Schlicht indiskutabel Andrew Owens als Camille de Rossilon, nervtötend fistelstimmig Martin Winkler als Baron Zeta, einzig Katharina Konradi in der mittelgroßen Partie der Valencienne überzeugt ohne Einschränkung. In Zürich gab und gibt es momentan viele tolle Produktionen, einen szenisch wie musikalisch herausragenden "Ring des Nibelungen" oder Puccinis selten gespielte "La rondine" in fulminanter Besetzung. Da mag man dieses Operettendesaster verzeihen, traurig ist es trotzdem!
Sendung: "Allegro" am 12. Februar 2024 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK
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