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Avowed Screenshots
Modernes Action-Adventure trifft Oldschool-Rollenspiel

Fantasy muss nicht immer nur Drachen, Burgen oder Trolle bedeuten. Eora ist anders. Die Welt von Avowed überzieht ein Netz aus bunten Korallen und Flechten, die angenehm an ein Morrowind mit seinen Pilzüberwucherungen erinnern. Türkis leuchtende Kristalle schieben sich aus dem Boden, Adra, das die Welt mit magischen Adern durchdringt durch die die Seelen der Toten zurück ins Rad der Wiedergeburt fließen.

Mehr zum Thema:Avowed: The Final PreviewAvowed: The Final Preview

Und ich bin mittendrin - als Gottgleiche. Ein Wesen, dem in meinem Fall selbst ein Korallengeflecht aus der Stirn ragt. Andere beäugen mich deshalb misstrauisch, aber auch hoffnungsvoll. Ich bin anders, vielleicht gefährlich, aber von einem Gott gesegnet, was Macht und Wissen bedeuten kann, die sie nicht einmal im Ansatz verstehen.

So ambivalent ist aber nicht nur mein Charakter - alles in Avowed ist kompliziert und grau und vielschichtig - und das, obwohl das Rollenspiel deutlich kompakter ausfällt als andere Oldschool-RPGs und sich verblüffend modern und komfortabel spielt. Aber genau diese Mischung macht Avowed zu einem überraschenden Highlight, das ihr auf dem Schirm haben solltet.

Gefährlich, tödlich, wunderschön

Die Geschichte von Avowed ist geprägt von Fragen ohne klare Antworten. Zu Beginn erstelle ich mir meinen Charakter und wähle einen Hintergrund, der später Einfluss auf Dialoge nimmt. In meinem Fall spiele ich eine geübte Späherin, die sich in der Wildnis auskennt. Das harmoniert wunderbar mit meiner Rolle als Botschafterin aus Aedyr, die vom Kaiser persönlich ins Land der Lebenden geschickt wird - eine raue, ungezähmte Kolonie, in der sich Flüchtlinge und Hoffnungsvolle niederlassen.

Dort wütet die Traumgeißel - eine mysteriöse Krankheit, die sämtliche Völker befällt und sie in pilzüberwucherte Zombies à la The Last of Us verwandelt. Ich soll sie erforschen und aufhalten. Allerdings empfängt man mich längst nicht als Retterin in der Not, im Gegenteil - Rassismus und Misstrauen sind an der Tagesordnung. Und das nicht nur aufgrund meiner gottgleichen Natur. Auch politisch ist die Lage extrem angespannt, weil Aedyr sich in die Angelegenheiten vor Ort einmischt und auch die "Stahlgarotte" entsandt hat. Diese Inquisition soll eigentlich die Seuche unter Kontrolle bringen, scheint aber noch ganz eigene - finstere - Ziele zu verfolgen.

Ihr erstellt euren Charakter nicht nur optisch, sondern wählt auch eine Hintergrundgeschichte.
Ihr erstellt euren Charakter nicht nur optisch, sondern wählt auch eine Hintergrundgeschichte.

Kunterbunte Grauzone

Ich stehe also stets zwischen den Stühlen - bin ich Kaiser und Stahlgarotte treu ergeben oder auf der Seite der Einheimischen, die mir nicht einmal trauen? Und was will die mysteriöse Stimme, die ich plötzlich in meinem Kopf höre? Avowed schöpft aus dem faszinierenden und tiefen Worldbuilding von Pillars of Eternity. Deshalb kratzt die Geschichte so gut wie nie nur an der Oberfläche. Fast jeder Dialog ist gespickt mit Informationen und Doppelbedeutungen. Das kann gerade Pillars-Neulinge anfangs schon mal überfordern.

Gut und böse ist stets schwammig. Die Stahlgarotte ist mit euch verbündet, greift aber auf kaltschnäuzige Strategien zurück. Wie ihr damit umgeht, bleibt euch überlassen.
Gut und böse ist stets schwammig. Die Stahlgarotte ist mit euch verbündet, greift aber auf kaltschnäuzige Strategien zurück. Wie ihr damit umgeht, bleibt euch überlassen.

Auf der anderen Seite gibt es aber eben, typisch für das Writing von Obsidian, kein klares Richtig oder Falsch und jede Entscheidung kann negative und positive Folgen mit sich bringen. Außerdem beweist das Studio hinter Fallout: New Vegas und The Outer Words erneut, dass sie einfach gute Charaktere und Dialoge schreiben können.

Die Geschichte meines Begleiters Kai ist beispielsweise denkbar simpel: Er hat einst einen Kameraden verloren und fühlt sich schuldig, was wir gemeinsam aufarbeiten. Wie die Quest erzählt wird und wo sie uns hinführt, bringt mich ihm aber ganz natürlich näher und gibt mir das Gefühl, eine vielschichtige und echte Person vor mir zu haben, die weder gut noch böse ist. Das hämmert mir so viele Gespräche und Augenblicke ins Gedächtnis, auch, wenn ich nicht immer alles verstehe oder nicht immer den richtigen Weg kenne.

Vier Gefährt*innen klingt nicht nach viel, sie alle bringen aber interessante Geschichten, Persönlichkeiten und Kräfte mit.
Vier Gefährt*innen klingt nicht nach viel, sie alle bringen aber interessante Geschichten, Persönlichkeiten und Kräfte mit.

Mit Schwert und Zauberbuch

Mit nur vier Begleiter*innen bleibt meine Gruppe im Vergleich zu anderen Rollenspielen ziemlich klein. Dafür arbeitet Obsidian aber jeden von ihnen sehr detailliert aus und gibt mir Zeit, sie ausgiebig kennenzulernen. (Erfrischenderweise mal ganz ohne Romanzen!) Außerdem bringt jeder von ihnen ein spannendes Set an Fähigkeiten mit.

Während Kai als wuchtiger Barbar mit solider Verteidigung die Aufmerksamkeit der Gegner auf sich zieht, erschafft Giatta schützende Heilbarrieren und Magierin Yatzli lässt Meteoriten herabdonnern. Gerade bei den Kämpfen und Charakteren geht Avowed einen ungewöhnlichen Weg. Denn alles spielt sich überraschend modern, actionlastig und simpel, ohne zu viel Tiefgang einzubüßen.

Zauber sind mächtige Waffen im Kampf, aber können auch zum Erkunden der Open World genutzt werden.
Zauber sind mächtige Waffen im Kampf, aber können auch zum Erkunden der Open World genutzt werden.

Ich verteile nach Level-Aufstiegen die typischen Punkte in Kategorien wie Geschicklichkeit oder Intelligenz, was mir in Dialogen und Gefechten hilft. Mal lässt sich ein Kampf ganz vermeiden, mal greife ich härter an oder weiche schneller aus. Festgelegt bin ich aber nie, weil ich nicht nur meine Punkte stets neu verteilen, sondern auch aus unterschiedlichen Fähigkeitenbäumen schöpfen darf. Finde ich ein mächtiges Schwert, investiere ich vielleicht ein wenig in meine Nahkampf-Skill. Fällt mir dann ein Zauberbuch in die Hände oder eine wuchtige Axt, kann ich mich problemlos neu orientieren.

Die meiste Zeit war ich als eine Art Kriegsmagierin unterwegs, die Feuer und Blitze schießt, aber sich auch mit der Klinge durch ihre Feinde schnetzelt. Das Trefferfeedback fällt im Nah- und Fernkampf unglaublich wuchtig und befriedigend aus. Die dynamischen First-Person-Gefechte erinnern deshalb eher an Action-Adventures wie Horizon Forbidden West oder God of War und weniger an klassische Rollenspiele.

Ausweichen, Blocken und Zuschlagen machen die Kämpfe aus der Nähe dynamisch und spannend. Oft verfügen Gegner auch über Heiler oder Schilde, die ihr zunächst umgehen müsst.
Ausweichen, Blocken und Zuschlagen machen die Kämpfe aus der Nähe dynamisch und spannend. Oft verfügen Gegner auch über Heiler oder Schilde, die ihr zunächst umgehen müsst.

Ein modernes Oldschool-RPG

Auch meinen Begleiter*innen gebe ich Befehle und Richtungen vor, allerdings längst nicht so ausgefeilt. Ich habe stets zwei von ihnen dabei und kann für sie einen abgespeckten Fähigkeitenbaum leveln oder ihnen den Einsatz bestimmter Skills befehlen - im Kampf und außerhalb. Denn unsere Kräfte interagieren auch mit der Welt, was wiederum beim Erkunden hilft. Ranken lassen sich wegbrennen und Eisplattformen helfen mir dabei, an Vorsprüngen hochzuklettern.

Eis und Feuer lassen sich kreativ nutzen - zum Beispiel um Plattformen zu erschaffen oder Ranken wegzubrennen. Spielt ihr keinen Magier, übernehmen die Begleiter*innen.
Eis und Feuer lassen sich kreativ nutzen - zum Beispiel um Plattformen zu erschaffen oder Ranken wegzubrennen. Spielt ihr keinen Magier, übernehmen die Begleiter*innen.

Das Erforschen der Welt gestaltet sich sehr geschmeidig. Egal ob ich mit Controller oder Maus und Tastatur spiele, ich klettere, schwimme, springe und sprinte flüssig. Sich die unterschiedlichen Open-World-Hubs zu erschließen, fühlt sich deshalb schon alleine für die Aktivität an sich lohnend an. Dann werde ich aber auch noch stets mit versteckten Nischen und Geheimnissen belohnt. Mal finde ich ein paar interessante Story-Brotkrumen, mal eine neue Quest, mal einfach eine Schatztruhe mit einer neuen Waffe.

Avowed gestaltet seine wunderschöne Welt längst nicht so immersiv wie zum Beispiel ein Skyrim oder Kingdom Come Deliverance, wo ich für jeden kleinen Diebstahl schief beäugt werde. Dafür wird aber meine Spielerfahrung großgeschrieben. Ich darf überall Loot bergen, um ihn gleich zu nutzen oder mir daraus bessere Waffen und Aurüstung zu schmieden. Oder ich greife auf bequeme Hilfsmittel wie Schnellreise und freies Speichern zurück. Auch der Schwierigkeitsgrad lässt sich fein justieren, sodass ich nie irgendwo überfordert bin oder stecken bleibe.

Neben den weitläufigen Landstrichen dürft ihr auch Städte als Hubs frei erkunden. Hier trefft ihr auf viele NPCs und Händler.
Neben den weitläufigen Landstrichen dürft ihr auch Städte als Hubs frei erkunden. Hier trefft ihr auf viele NPCs und Händler.

Egal ob ihr gerne das Kampfsystem voll ausschöpfen oder einfach die Story genießen wollt, Avowed lässt sich problemlos auf beide Arten spielen. Dabei läuft auch die Technik rund: Ich hatte auf dem PC zwar hier und da mit Rucklern zu kämpfen oder erlebte kleinere Bugs, die zum Beispiel Questmarker verschwinden ließen. Zu solchen Zwischenfällen kam es aber nur sehr selten und trübten den Spielspaß nicht.

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